Vom Fußballfan zum noblen Aktionär

RAVENSBURG- Mut bewiesen haben sechs Erwachsene und drei Kinder am Samstag Abend – Mut zur radikalen Typveränderung. Unter den teils kritischen, teils amüsierten Blicken von knapp 300 Konzerthaus-Besuchern ließen sie als Kandidaten bei der „etwas anderen Vorher-Nachher-Show“ nicht nur Haare, sondern gleich auch ihr alter Ego hinter sich.

Von unserer Mitarbeiterin Barbara Sohler

Auf der Diawand im Bühnenhintergrund prangt etwas unscharf Dieters Vorher-Foto: Mit gestreiftem Schlabbersweatshirt über verblichenen Jeans, einem offenbar akribisch gezüchteten Oberlippenbart und einer funktionellen Brille ist der 48-jährige, Typ „Fussballfan,“ vor gut zwei Stunden auf die Bühne geklettert und hat sich dort zur Erinnerung noch einmal ablichten lassen. Dass der hochgewachsene, attraktive Dressman, der jetzt festen Schrittes aus den Umkleiden kommt, auch Dieter sein soll, das ist fast nicht zu glauben: Seine gut 1.80 Meter stecken in edlem, dunklem Zwirn, im Sakko leuchtet eine pinkfarbene Krawatte über einem dezenten hellgrauen Businesshemd. Darüber strahlt ein bartloses, offenes Gesicht, dem eine randlose Brille den letzten Touch von Seriosität verleiht. Auch die Haare auf dem Kopf sind bis auf ein paar wenige Zentimeter gestutzt. Und das alles macht aus dem unscheinbaren Dieter aus Vogt einen anziehenden, interessanten Mann, den man sonst aus einer PS-starken, polierten Limousine steigen sieht, auf dem Weg zu einer Aktionärsbesprechung. Angesichts Dieters gelungener Verwandlung ist nicht nur die Moderatorin so überrascht, dass sie ihn freudestrahlend und mit Küsschen begrüßt; auch das Publikum tobt und ist restlos begeistert.

Das, was in vielen (Frauen-) Zeitschriften immer wieder gerne gelesen wird, was mittlerweile auch im Vorabendprogramm die Fernsehzuschauer fasziniert, das konnte das Ravensburger Publikum am Samstag Abend life und hautnah im Konzerthaus erleben: Die Verwandlung von mehr oder weniger hässlichen Enten und Erpeln in stolze Schwäne. „Etwas anders“ soll die für Verblüffung sorgende Show dadurch werden, dass hier die Kandidaten sichtbar und nacherlebbar auf offener Bühne umgestylt werden. Die Kandidaten selbst haben allerdings zu den Ideen der Modeprofis keinerlei Mitspracherecht und auch keinen Spiegel, um die schrittweise Veränderung beobachten zu können. Das bleibt den Zuschauern vorbehalten.

Woran es lag, dass trotzdem ungefähr 50 Veränderungswillige eine satte Auswahlmasse boten, aus denen die vielversprechendsten Kandidaten für den „Aha-Effekt“ ausgewählt werden konnten, darüber kann lediglich spekuliert werden. Vielleicht machte es die hochmotivierte Moderatorin Silvia Eisinger aus, die in einem ausführlichen und schonungslosen Vorgeplänkel den Zuschauern Mut zusprach, sich radikal und komplett von fachkundigen Händen verändern zu lassen. Oder aber es gibt tatsächlich so viele trendvergessene Ravensburger, die erst im diffusen Licht des Zuschauerraums im Konzerthaus sich ihrer modischen Unzulänglichkeit bewusst werden. Jedenfalls hatten Moderatorin und Friseur die Qual der Wahl unter allzu unglücklich gekleidet und frisierten Kandidaten. Und so durften sich neben Dieter noch drei Kinder und fünf andere Erwachsene von einem beinahe unübersichtlichen Team aus Stylisten, Mode- und Typberatern aus den Bereichen Mode, Schmuck, Optik, Beauty verschönern lassen.

Fast ausnahmslos positiv, in jedem einzelnen Fall aber spektakulär sind die Ergebnisse der Typ- und Stilberatungen auch bei den Damen: Da ist aus der grauen Maus Brigitte, an der vom straßenköterbraunen, immerhin langen Haar bis hin zu den müden Augen hinter der Kassenbrille alles eben noch irgendwie trostlos wirkt, binnen 120 Minuten eine hübsche Frau geworden. Die Friseure kappen auf offener Bühne Brigittes Langhaar, färben einzelne Strähnen goldblond, tönen den Rest kupferfarben. Zeitgleich macht sich eine Visagistin an Brigittes Teint zu schaffen, mattiert, kaschiert und betont an den richtigen Stellen. Zupft störende Augenbrauenhärchen, öffnet die Augen mit entsprechendem Make-up, verhilft durch Glitzergloss zu vollen Lippen. Und hinter der Bühne, in den spiegellosen Garderoben, da müssen die helfenden Hände von Optiker, Schmuckausstatter und Schuhverkäuferin, das geliehene, neue Outfit innerhalb von Minuten abrunden können. Nicht, dass dann noch die bequemen Latschen oder die Alltagsohrringe den Gesamteindruck des „Kunstwerkes“ stören.

Äußerst professionelle Arbeit haben alle geleistet. Und da nach zwei teilweise etwas zähen Stunden – durch unnötige Talkrunden und trotz fescher Dessousmodenschau – auch die Zuschauer befinden, bei Dieter sei die Verwandlung am besten gelungen, darf er sein neues Outfit mit nach Hause nehmen. Zu seiner alten (weil unveränderten) Frau.


Zurück Weiter Home